Dienstag, 28. Februar 2017

Daten: Über den rechtlichen Umgang mit einem neuen Tauschmittel

Von Ralf Keuper 

In ihrem Beitrag Daten als neue Währung? in der FAZ vom 24.02.2017 zieht Heike Schweitzer die Bedeutung der Datensouveränität in Zweifel:
... zeigt das Geschäftsmodell "Leistung gegen Daten" dem Konzept der Datensouveränität gerade seine Grenzen auf? Wir haben es dann zwar immer noch mit einem beiderseitig oftmals vorteilhaften Austausch wirtschaftlich werthaltiger Leistungen zu tun. Der "Datenpreis" wäre dann aber womöglich nicht mehr im Markt, kontrolliert durch den Wettbewerb, zu ermitteln. Er wäre gesetzlich zu begrenzen. Passt dann aber noch die Parallele zum normalen Austauschvertrag?
Zwar sei der ökonomische Wert der Daten mittlerweile nicht mehr zu leugnen, schließlich, so möchte ich hier hinzufügen, basiert das Geschäftsmodell von Google, facebook & Co.  letztlich aus nichts anderem als Datenverwertung, jedoch sei es ein Kurzschluss daraus zu folgern, Daten seien ein Zahlungsmittel wie Geld:
Geld ist regelmäßig knapp und für Dienstenutzer damit ein brauchbarer Wertmesser. Nutzungsdaten werden im Internet demgegenüber ständig und nebenbei erzeugt. Der wirtschaftliche Wert dieser Daten ist für den Einzelnen intransparent. Anders als die Zahlung eines monetären Preises wird die Einwilligung in die Datenverarbeitung häufig nicht als Verlust wahrgenommen, kann die Datenverarbeitung doch zugleich auch der Leistungsverbesserung dienen.
Dass Geld knapper ist als Nutzungsdaten, dürfte wohl weitgehend unbestritten sein. Jedoch kann sich der Wert des Geldes aufgrund einer (galoppierenden) Inflation gegen Null bewegen. Ganz abgesehen von dem "Irrationalen Überschwang", der immer wieder zu Finanzblasen führt. Die Messung des Wertes der Daten verläuft im Vergleich dazu relativ unspektakulär und treffsicher, wie u.a. aus The economic value of personal data for online platforms, firms and consumers hervorgeht. Die These, von Schweitzer, die personenbezogenen Daten hätten für sich genommen noch keinen Wert, sondern müssten erst durch Aggregration und durch die Nutzung analytischer Verfahren mit Wert versehen werden, greift zu kurz. Wie ist es sonst zu erklären, dass selbst Google zahlender Kunde von Datenlieferanten wie Axciom ist? Die Nutzer als Erzeuger der Daten, als erste Instanz in der Wertschöpfungskette, werden an der Erlösen aus ihren Daten nicht beteiligt, jedenfalls nicht in monetärer Form. Das aber muss nicht bedeuten, Daten seien kein Zahlungsmittel. Der Nutzer liefert nicht nur Daten, sondern auch Informationen (wie beispielsweise Verhaltensdaten), d.h. er übernimmt bereits einen Teil der Aufgaben der Datenhändler. Die Forderung einer "Datenpreisregulierung", wie von Schweitzer erhoben, bestätigt ja paradoxerweise, dass es einen Preis für Daten gibt. Die Argumentation ist an dieser Stelle zirkulär. Wie lässt sich ein fairer Datenpreis ermitteln, wenn einem der beteiligten Vertragspartner die Souveränität, das Eigentum an den Daten, abgesprochen wird? Damit wird die Verhandlungsposition der Nutzer deutlich geschwächt. Es kann nicht Sinn des Wettbewerbs sein, Machtungleichgewichte noch zu verstärken. Wie verhält sich das mit dem Liberalismus, man denke hier an John Stuart Mill, John Rawls und Karl Popper? 

Mittwoch, 22. Februar 2017

Brauchen wir einen TÜV für Algorithmen?

Von Ralf Keuper

Für einige ist es eine typisch deutsche Frage bzw. Diskussion: Brauchen wir einen TÜV für Algorithmen? Katharina Zweig, Professorin für Sozioinformatik an der Uni Kaiserslauten, hält einen Algorithmen-TÜV für unabdingbar

Auf einem Symposium der EKHN-Stiftung wird Frau Zweig mit den Worten zitiert: 
"In Algorithmen sind Menschenbilder eingefroren - aber nicht immer die richtigen", kritisierte Zweig. Algorithmen entschieden aber über die Zukunft der Menschen. "Algorithmen können jemandem einen Flug verweigern, einen Kredit, ein Visum oder ein bestimmtes Bildungsangebot". Die Wissenschaftlerin kritisierte, es gebe keine Partei, die sich ernsthaft mit dem Thema befasse. Sie forderte die Kirchen auf, in der Diskussion eine aktive Rolle zu übernehmen.
In die gleiche Richtung argumentiert die Verbraucherzentrale in dem Positionspapier zum automatisierten und vernetzten Fahren:
Die für Algorithmen herangezogenen Kriterien müssen offengelegt werden. So können Diskriminierung verhindert und das Informationsungleichgewicht zwischen Anbietern und Verbrauchern ausgeglichen werden. Der Ursprung und das Ziel der von hochautomatisierten/autonomen Systemen hervorgerufenen Datenströme sollten für Verbraucher einsehbar sein. Der Algorithmus selbst, also die Annahmen und die Gewichtung, fallen unter das Geschäftsgeheimnis. Um dieses zu wahren und gleichzeitig Nachteile für Verbraucher auszugleichen, muss ein AlgorithmenTÜV eingeführt werden: Das Kraftfahrtbundesamt oder eine andere geeignete Behörde müssen die Funktions- und Arbeitsweise von Algorithmen nachvollziehen können und als Voraussetzung der Zulassung definiert werden.
Unterstützt bei ihrer Forderung nach einem Algorithmen-TÜV wird die Verbraucherzentrale u.a. von dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhard Baum.  

Einige Kommentatoren halten das Thema mittlerweile für relevant im Bundestagswahlkampf. 

Wenig anfreunden mit dem Gedanken eines Algorithmen-TÜVs kann dagegen Gesche Joost, wie in einem Wired-Interview. Unter einem Algorithmen-TÜV könne sie sich nichts vorstellen. 

Die Forderung nach einer zentralen Kontrollinstanz für das Netz ist indes nicht neu, wie von Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance and Regulation an der Uni Oxford und daneben noch erfolgreicher Sachbuchautor (Big Data - A Revolution That Will Transform How We Line, Work, and Think) in einem Interview mit der Zeit aus dem Jahr 2013. 

Inzwischen gibt es eine Beobachtungsplattform für Algorithmen: Algorithm Watch. Zu den Gründern gehört auch die eingangs erwähnte Katharina Zweig. In einem Interview schließt sich der Mathematik-Professor von TU Braunschweig, Sebastian Stiller, der Forderung nach einem Algorithmen-TÜV - für sicherheitskritische Bereiche - an, ebenso wie Yvonne Hofstetter, die sich für eine Treuhandstelle für Algorithmen einsetzt. 

Einen Schutzengel für Algorithmen (Algorithmic Angels) hält Jarno M. Koponen für ein geeignetes Mittel, um als Nutzer die digitale Souveränität zurückzugewinnen. Ein Leistungsmerkmal des Algorithmic Angels:
Your angel makes you either recognizable or anonymous when you choose to be. The guardian alters your appearance according to your wishes so that you can use different services with different sets of personal preferences and identities. You’re able to choose your own appearances and identity.
So ganz ohne Assistenz und Regulierung wird es künftig nicht gehen. 

Dienstag, 21. Februar 2017

Wem gehören die Daten?

Von Ralf Keuper

Die Frage, ob Personen oder Unternehmen das exklusive Recht an ihren Daten für sich beanspruchen können, wird seit längerer Zeit kontrovers diskutiert. So plädierte EU-Kommissar Günter Oettinger vor einigen Monaten für ein Bürgerliches Gesetzbuch für Daten. Demgegenüber warnt Bundesinnenminister Lothar de Maizière vor einem überzogenen Datenschutz. Das Privateigentum an Daten ist für ihn eine Form des Protektionismus, und damit quasi wettbewerbsverhindernd. Der Minister warnt jedoch vor einem Ausverkauf der Privatsphäre, wovon in erster Linie die ökonomisch schwächeren Bürgerinnen und Bürger betroffen sein könnten. Der Schutz der Privatsphäre dürfe kein Luxus sein. Informativ und ausgewogen ist das Interview Wem gehören Personendaten? mit Maximilian Becker 

In seinem Kommentar zu den Aussagen des Innenministers stellt Eckehard Kraska fest, dass die Diskussion ohne klare Definition dessen, was Daten und was Informationen sind, in die Irre führt. 

Das Institut für IT-Recht (IITR) hat dazu ein Video produziert:


Mitschrift:

Daten 

  • Daten sind an Materie gebunden und damit körperlich
  • Daten liegen im Universum in analoger Form vor 
  • Analoge Daten lassen sich in digitale Daten umwandeln
  • Digitale Daten lassen sich verarbeiten, speichern und transportieren. Dazu sind Daten wiederum an Materie gebunden

Information

  • Information gehört zu Sphäre der Wertung
  • Information setzt ein wertendes Bewusstsein voraus
  • Information ist auf das Vorhandensein des Menschen beschränkt
  • Information ist körperlos

Fazit: 

Der Datenbegriff ist sinnvoll nur im naturwissenschaftlichen und damit auch technischen Umfeld anwendbar. Von Informationen sollten wir immer dann sprechen, wenn ein bewertender Vorgang vorliegt, der an das Vorhandensein eines menschlichen Bewusstseins gebunden ist. Der Informationsvorgang ist alleine dem Menschen vorbehalten.

Problemstellung:

Beide Sphären greifen im Alltag ineinander über. Wir transferieren Inhalte menschlicher Bewertung in die Sphäre der Naturwissenschaft, indem wir Daten in Informationen umwandeln, um diese einer Datenverarbeitung zugänglich zu machen.

Forderung: 

Die Bedeutung der Begriffe Daten und Information präzisieren, um diese rechtlich verbindlich zu machen, um Gesetze, Regelungen und die gesellschaftliche Verständigung zu verbessern.

Nur was folgt daraus für die Frage nach dem Eigentum an den Daten? Wird das Eigentum an den Daten von dem Eigentum an Informationen übersteuert oder ist es dem übergeordnet? Muss das Recht auf Informationelle Selbstbestimmung ergänzt werden? Können tatsächlich nur Menschen Daten bewerten? Was ist mit Algorithmen und Entscheidungssystemen, Künstlicher Intelligenz, was ist mit dem Bereich der Semantischen Analyse? 

Nach Gregory Bateson ist Information das, was einen Unterschied macht. Ökonomisch betrachtet, würde die Informationen einen zusätzlichen Wert schaffen. Wem fällt dieser Wert zu? Allein demjenigen, der die Information erzeugt hat, oder auch demjenigen, der die Daten geliefert hat? Wenn beispielsweise Unternehmen die Kundendaten in ihren Systemen speichern, verwalten und analysieren, erzeugen sie damit Informationen und damit einen Wert. Gehört dieser Wert dem Unternehmen? Was ist, wenn der Kunde die Herausgabe seiner gespeicherten Daten, z.B. bei einer Bank, verlangt? Die Bank könnte ein Entgelt für die Kosten der Datenhaltung und Aufbereitung sowie für die Transformation der Daten in Informationen fordern. Ist dieser Kostenpunkt in den Gebühren bereits enthalten? Im Umkehrschluss müsste der Lieferant für seine Daten ebenfalls ein Entgelt erhalten. Maßstab dafür könnte sein, wie sich die Daten verwerten, ob sich interne Verfahren oder die Produktentwicklung verbessern lassen. Was ist aber, wenn der Lieferant nicht nur Daten, sondern auch Informationen mit bringt? Wie erfolgt da die Verrechnung? 

Montag, 20. Februar 2017

Was ist überhaupt noch privat?

Von Ralf Keuper

Vor einiger Zeit widmete sich das Technologie-Magazin Wired (Wir lassen uns freiwillig überwachen. Was ist überhaupt noch privat?) der Frage, was in der heutigen Zeit unter Privatheit überhaupt noch zu verstehen ist.

Der Beitrag Ruf! Mich! Ab! gibt einen Überblick über den Bedeutungswandel, den der Begriff Privatheit in der Vergangenheit durchlaufen hat. Bei der Römern beispielsweise galt der Rückzug ins Private als Schmach; jedenfalls unter den Bewohnern mit vollen Bürgerrechten. Das Leben in der Öffentlichkeit, als öffentliche Person galt als besonders erstrebenswert. Wem das nicht möglich war, so der Beitrag, war seiner Ehre beraubt. Daher auch die Herleitung von privat aus dem Lateinischen privare = berauben. Der Wert der Privatheit wurde den Menschen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen der Massengesellschaft bewusst. Wegweisend war u.a. der Aufsatz The Right To Privacy von Samuel Warren und Louis Brandeis aus dem Jahr 1890.

Heute haben wir die paradoxe Situation, dass die Menschen einerseits um den Schutz ihrer personenbezogenen Daten besorgt sind, andererseits ihr Verhalten im Netz nur selten dementsprechend anpassen. Neben ökonomischen Erklärungsversuchen wird auch die Theorie der Kognitiven Dissonanz herangezogen. Demnach ist der konkrete Nutzen heute uns wichtiger als die abstrakte Gefahr zu einem späteren Zeitpunkt, der womöglich nie eintritt.

An Versuchen, die Privatsphäre in das Netz einzuführen, fehlt es nicht. Sie reichen von dem Modell Privacy by Design über den Ansatz der Kontextuellen Integrität (Helen Nissenbaum) bis, so paradox das auch klingen mag, zur Post-Privacy.

Als wünschenswerter Zustand gilt gemeinhin, dass der Datenschutz nicht wie jetzt noch üblich erst später installiert werden muss, sondern bereits zur Grundausstattung gehören sollte, wie z.B. die End-to-End-Verschlüsselung von E-Mails.

Bis dahin ist es noch ein steiniger Weg. Die Privatsphäre aufzugeben, wäre in jeder Hinsicht die falsche Konsequenz, so sehr ihre vollständige Bewahrung auch künftig ein unerreichbares Ideal sein wird. Aber das war sie eigentlich schon immer. Das berührt Fragen, die mit Technologie allein kaum gelöst werden können.

Montag, 6. Februar 2017

Metro platziert Datenvermarktungsplattform

Von Ralf Keuper

Der Handelskonzern Metro gab vor wenigen Tagen bekannt, eine Vermarktungsplattform für Handelsdaten zu eröffnen. Gegenstand sind nicht personalisierte Besucher-und Kundendaten. Laut Unternehmensangaben handelt es sich dabei um die erste branchenübergreifende Vermarktungsplattform von Handelsdaten. Das Angebot richtet sich an Werbetreibende, die aus den Daten über das Verhalten der Endverbraucher passgenaue Online-Kampagnen ableiten können. Verantwortlich im Metro-Konzern ist die Retail Media Group, die wiederum eine Tochtergesellschaft der künftigen Ceconomy AG ist. 
Die Besucherdaten sollen mit Daten aus dem stationären Handel verknüpft werden. Dazu wird die Plattform für weitere Händler geöffnet, die nicht zum Metro-Konzern gehören. Im Idealfall, so der Ceconomy-Chef Pieter Haas, sei ein Rotwein trinkender Computerkäufer, der bei Media Saturn Interesse für einen Laptop von Apple zeige und im Metro-Markt Qualitätsprodukte kaufe, ein geeigneter Adressat für BMW-Werbung. 

Weitere Quelle: Daten für Vermarktung nutzen. Metro will neue Plattform für andere Händler öffnen, FAZ vom 3.02.17

Donnerstag, 2. Februar 2017

Data Economy: Ein kurzer Wochenrückblick #KW5

Von Ralf Keuper 

Anbei eine Liste von Meldungen, die mir in dieser Woche besonders ins Auge gefallen sind: