Montag, 20. Februar 2017

Was ist überhaupt noch privat?

Von Ralf Keuper

Vor einiger Zeit widmete sich das Technologie-Magazin Wired (Wir lassen uns freiwillig überwachen. Was ist überhaupt noch privat?) der Frage, was in der heutigen Zeit unter Privatheit überhaupt noch zu verstehen ist.

Der Beitrag Ruf! Mich! Ab! gibt einen Überblick über den Bedeutungswandel, den der Begriff Privatheit in der Vergangenheit durchlaufen hat. Bei der Römern beispielsweise galt der Rückzug ins Private als Schmach; jedenfalls unter den Bewohnern mit vollen Bürgerrechten. Das Leben in der Öffentlichkeit, als öffentliche Person galt als besonders erstrebenswert. Wem das nicht möglich war, so der Beitrag, war seiner Ehre beraubt. Daher auch die Herleitung von privat aus dem Lateinischen privare = berauben. Der Wert der Privatheit wurde den Menschen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen der Massengesellschaft bewusst. Wegweisend war u.a. der Aufsatz The Right To Privacy von Samuel Warren und Louis Brandeis aus dem Jahr 1890.

Heute haben wir die paradoxe Situation, dass die Menschen einerseits um den Schutz ihrer personenbezogenen Daten besorgt sind, andererseits ihr Verhalten im Netz nur selten dementsprechend anpassen. Neben ökonomischen Erklärungsversuchen wird auch die Theorie der Kognitiven Dissonanz herangezogen. Demnach ist der konkrete Nutzen heute uns wichtiger als die abstrakte Gefahr zu einem späteren Zeitpunkt, der womöglich nie eintritt.

An Versuchen, die Privatsphäre in das Netz einzuführen, fehlt es nicht. Sie reichen von dem Modell Privacy by Design über den Ansatz der Kontextuellen Integrität (Helen Nissenbaum) bis, so paradox das auch klingen mag, zur Post-Privacy.

Als wünschenswerter Zustand gilt gemeinhin, dass der Datenschutz nicht wie jetzt noch üblich erst später installiert werden muss, sondern bereits zur Grundausstattung gehören sollte, wie z.B. die End-to-End-Verschlüsselung von E-Mails.

Bis dahin ist es noch ein steiniger Weg. Die Privatsphäre aufzugeben, wäre in jeder Hinsicht die falsche Konsequenz, so sehr ihre vollständige Bewahrung auch künftig ein unerreichbares Ideal sein wird. Aber das war sie eigentlich schon immer. Das berührt Fragen, die mit Technologie allein kaum gelöst werden können.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen