Mittwoch, 22. Februar 2017

Brauchen wir einen TÜV für Algorithmen?

Von Ralf Keuper

Für einige ist es eine typisch deutsche Frage bzw. Diskussion: Brauchen wir einen TÜV für Algorithmen? Katharina Zweig, Professorin für Sozioinformatik an der Uni Kaiserslauten, hält einen Algorithmen-TÜV für unabdingbar

Auf einem Symposium der EKHN-Stiftung wird Frau Zweig mit den Worten zitiert: 
"In Algorithmen sind Menschenbilder eingefroren - aber nicht immer die richtigen", kritisierte Zweig. Algorithmen entschieden aber über die Zukunft der Menschen. "Algorithmen können jemandem einen Flug verweigern, einen Kredit, ein Visum oder ein bestimmtes Bildungsangebot". Die Wissenschaftlerin kritisierte, es gebe keine Partei, die sich ernsthaft mit dem Thema befasse. Sie forderte die Kirchen auf, in der Diskussion eine aktive Rolle zu übernehmen.
In die gleiche Richtung argumentiert die Verbraucherzentrale in dem Positionspapier zum automatisierten und vernetzten Fahren:
Die für Algorithmen herangezogenen Kriterien müssen offengelegt werden. So können Diskriminierung verhindert und das Informationsungleichgewicht zwischen Anbietern und Verbrauchern ausgeglichen werden. Der Ursprung und das Ziel der von hochautomatisierten/autonomen Systemen hervorgerufenen Datenströme sollten für Verbraucher einsehbar sein. Der Algorithmus selbst, also die Annahmen und die Gewichtung, fallen unter das Geschäftsgeheimnis. Um dieses zu wahren und gleichzeitig Nachteile für Verbraucher auszugleichen, muss ein AlgorithmenTÜV eingeführt werden: Das Kraftfahrtbundesamt oder eine andere geeignete Behörde müssen die Funktions- und Arbeitsweise von Algorithmen nachvollziehen können und als Voraussetzung der Zulassung definiert werden.
Unterstützt bei ihrer Forderung nach einem Algorithmen-TÜV wird die Verbraucherzentrale u.a. von dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhard Baum.  

Einige Kommentatoren halten das Thema mittlerweile für relevant im Bundestagswahlkampf. 

Wenig anfreunden mit dem Gedanken eines Algorithmen-TÜVs kann dagegen Gesche Joost, wie in einem Wired-Interview. Unter einem Algorithmen-TÜV könne sie sich nichts vorstellen. 

Die Forderung nach einer zentralen Kontrollinstanz für das Netz ist indes nicht neu, wie von Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance and Regulation an der Uni Oxford und daneben noch erfolgreicher Sachbuchautor (Big Data - A Revolution That Will Transform How We Line, Work, and Think) in einem Interview mit der Zeit aus dem Jahr 2013. 

Inzwischen gibt es eine Beobachtungsplattform für Algorithmen: Algorithm Watch. Zu den Gründern gehört auch die eingangs erwähnte Katharina Zweig. In einem Interview schließt sich der Mathematik-Professor von TU Braunschweig, Sebastian Stiller, der Forderung nach einem Algorithmen-TÜV - für sicherheitskritische Bereiche - an, ebenso wie Yvonne Hofstetter, die sich für eine Treuhandstelle für Algorithmen einsetzt. 

Einen Schutzengel für Algorithmen (Algorithmic Angels) hält Jarno M. Koponen für ein geeignetes Mittel, um als Nutzer die digitale Souveränität zurückzugewinnen. Ein Leistungsmerkmal des Algorithmic Angels:
Your angel makes you either recognizable or anonymous when you choose to be. The guardian alters your appearance according to your wishes so that you can use different services with different sets of personal preferences and identities. You’re able to choose your own appearances and identity.
So ganz ohne Assistenz und Regulierung wird es künftig nicht gehen. 

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